Der fehlende obere Talabschluss im Oberengadin
Wer in Samedan oder St. Moritz steht, und gegen Westen äugt, dem wird nichts Ungewöhnliches auffallen. Der Piz da la Margna steht als westlicher Talabschluss da, wie es sich gehört. Wer sich dann jedoch ihm zu nähren versucht, und gegen Sils und Maloja fährt, für den wird der Piz da la Margna mehr und mehr auf die südliche Talseite des Engadin geschoben, bis er auf der Höhe des Silser Sees nahezu in der südlichen Gebirgskette verschwindet. Jetzt offenbart sich dem aufgeweckten Besucher, dass das Engadin keinen eigentlichen Talabschluss hat, so wie es sich eigentlich für ein Gebirgstal gehört. Und wer oben in Maloja am Anfang des "Malojapass" steht, tritt erschrocken einen Schritt zurück. Auf einmal fällt der Boden 400m tief ab, und endet in Casaccia im Bergell. Und das dort, wo es eigentlich einen Berg, eine Sattel oder irgendeine Erhebung geben sollte, die den oberen Abschluss des Oberengadins bildet. Geologen sagen, dass dieser obere Talabschluss durchaus existiert hat. Vor langer Zeit, rund sechzig Kilometer weiter westlich. Was ist geschehen? Die Maira, der Bach (oder Fluss) des Bergells, hat dem Engadin im wahrsten Sinne des Wortes den Boden weggenommen. Der so friedliche Bach kann bei Regen sehr schnell zu einem reissenden Ungetüm anschwellen. (Heute wird dieser Effekt noch verstärkt durch die Wässer des Fornogebietes, die wohl einst einmal in das Innsystem geflossen sind.

